Presse



Spiegelartikel vom November 2011 über die Gestaltung des 'Café Faustina' in Weimar.

FAZ-Artikel vom 13.03.1999 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, ebenfalls über die Malereien im 'Café Faustina' in Weimar (FAZ Nr. 61 S. 43):

Ein kleiner Brauner

Wenn der Schrecken beim Kaffeekränzchen in die Glieder fährt: Kulturstadt Weimar und die Kunst
Eines hat die Goethestadt Frankfurt der Goethe- und Kulturhauptstadt Europas Weimar im Andenkenrummel des Goethejahrs voraus: ein Originalrezept aus Goethes Zeiten.
Nach ihm formen heute noch Frankfurter Konditoren eine Art großer Praline aus Marzipan, das mit Rosenwasser gemischt, von drei halben Mandeln gehalten und kurz überbacken wird. Frau Aja soll das Naschwerk im Großen Hirschgraben oft hergestellt haben. Man sagt, sie habe schon den heute geläufigen Namen verwendet: Das Süßgebäck heißt "Bethmännchen", nach der alteingesessenen Bankiersfamilie Bethmann, deren Leibkoch es erfunden haben soll. Goetherummel auf Umwegen, doch wer in Frankfurt Bethmann sagt, der sagt auch Goethe.

"Goethmännchen" gibt es in Weimar noch nicht zu kaufen. Dafür aber des Dichters Ginko-Blatt in pistaziengrünem Marzipan und dreierlei Größen. Auch Bonbonnieren, geziert mit seinem Konterfei, mit dem Gartenhaus, dem Spektralbogen seiner Farbenlehre, für Verwegene auch mit dem Porträt der Christiane Vulpius, die Frau Aja so gerne den "Bettschatz" ihres "Hätschelhans" genannt hat. Wer mag, kann schokoladene Goethebüsten erwerben - und wer der Penetranz des allgegenwärtigen zuckrigen Kults entkommen und doch einen Kaffee, auch ein Stück Kuchen vielleicht genießen will, dem bietet ein neues Café, fünf Schritte vom Goethehaus entfernt, Zuflucht. "Faustina" heißt es, ist streng in Schwarz gehalten, mit milderndem Blau, mattgebürstetem Silberstahl und bauhausartigen Kugelleuchten. Eine angenehme diskrete Zweite Moderne. Es ist ruhig dort, die Bedienung - junge Leute - aufmerksam und freundlich.

Deshalb kann man sich in Ruhe umschauen, lesen oder die Wandmalereien über den schwarzen Panelen betrachten. Bunt, aber nicht grell sind sie, keine große, auch keine auffallende Kunst, aber amüsant, fast geistreich: Die historische Prominenz Weimars ist versammelt, vom Geheimen Rath selbst samt Familie bis zur griesgrämig blickenden Frau vom Stein, vom grübelnden Harry Graf Kessler bis zum schwesterlich behüteten Nietzsche in Rüstung und Kafka mit Hängeschultern. Dazwischen geistern Goethes Theaterfiguren, mal frivol, mal komisch, und die Landschaft im Hintergrund springt von einem eher muffigen Ilm-Arkadien mit Herderkirche zu einem "Land, wo die Zitronen blüh'n", das ausschaut, als würde es gerade von einer betagten Primadonna mit sehr viel Vibrato besungen.

Der Münchner Künstler Christoph Hodgson hat das alles gemalt, so entspannt, als habe ein Werner Tübke sich flüchtig skizzierend in kopfschüttelnder Nachsicht mit der gemeinen Welt versucht, oder Johannes Grüzke den Entwurf souffliert. Vielleicht hat Hodgson auch Thomas Manns "Lotte in Weimar" gelesen und für seine Personnage jene Ironie geübt, mit der Mann die Ticks und Spleens, provinziellen Eitelkeiten und egozentrischen Dramen der Weimarer klassischen Hautevolee ein ganz klein wenig gehässig beschreibt.

Doch Leichtfüßkeit war selten Weimars Sache, und deshalb hat der hingetuschte gehobene Comic nun einen schweren Weltanschauungsstreit ausgelöst: Zum Verhängnis wurde dem Faustina der räumliche Anschluß an das Goethe-Nationalmuseum und daß Hodgson es wagte, Hitler unter sein flittriges Pandämonium zu mischen. Er lugt als Brustbild vom unteren Rand, feistbackig, in Zivil, eine Papierrolle mit der Aufschrift "1. Bauabschnitt Buchenwald" in der Faust.

Wenn im Nationalmuseum die Nation aus Goethes Perspektive gesehen werde, so hatten Hodgson und seine Auftraggeber, die Leiter des Dorint-Hotels, befunden, dann solle das Café am Nationalmuseum nicht nachstehen und aus seiner Sicht geschichtliche Gestalten versammeln, die für Weimar und die Nation bedeutsam waren. Hitler inbegriffen, der mit dem NS-Monumentalismus des Gauforums samt dem Neubau des Hotels "Elephant" Weimars Innenstadt den architektonischen Stempel des Dritten Reichs aufprägte und auf dem nahen Ettersberg 1937 das Konzentrationslager Buchenwald bauen ließ, dessen Gebäude in ihrem Heimatschutzstil eine zynische Kopie der Siedlungsbauten für "Volksgenossen" sind.

"Banal und verharmlosend" befand der Denkmalexperte Jürgen Beyer für die Stiftung Weimarer Klassik den Entschluß, Hitler in die Bildfolge des Faustina aufzunehmen. Deren Präsident Jürgen Seifert dagegen sieht weder eine Aufwertung noch Verniedlichung, aber fühlt sich bei den Attacken als "gebranntes Kind" an den rigiden Kunstkanon der DDR erinnert. Volkhard Knigge, der Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, spricht von "kluger Naivität" des Künstlers, die "thematisiert, was zu Weimar gehört."

Leicht die Kunst, lastend die Wirkung: Nicht jüngere, aber viele ältere Bürger, so Kai Petry vom Dorint-Hotel, reagierten empört. Tatsächlich steht man in Gefahr, sich an Faustinas köstlichem Capuccino zu verschlucken, wenn der Blick unvorbereitet auf Hitlers Physiognomie fällt. Aber das hat nichts mit Verharmlosung zu tun, sondern mit Irritation. Und die ist seit je ein guter Cicerone, wenn es darum geht, die Botschaften oder Behauptungen von Kunst zu entschlüsseln. Beileibe nicht jedes Thema und Motiv läßt sich im Dunstkreis von Espresso und Blätterteig präsentieren. Doch es hieße umgekehrt, die Kunst zu verharmlosen, wollte man ihr gebieten, daß sie in einer solchen Umgebung nur gleitfähig wie Buttercreme sein dürfe.

Der Streit um Hodgsons Malerei sitzt wie ein Kaffekränzchen in bequemen Caf´haus-Sesselchen. Das wird deutlich, wenn man die Kulturstadt Weimar durchstreift und nicht nur die Auslagen mit ihren Marzipan-Klassikern beachtet. Mehr als genug Anstößiges ist da zu sehen: Das Nationaltheater zum Beispiel, von dem es hieß, es werde saniert, und das nun dasteht mit einer restaurierten Fassade, an deren mächtigen Säulen schon wieder die Feuchtigkeit hochkriecht, während alles übrige noch immer im schäbigen, bröselnden Rauhputz der DDR steckt. So unfertig ist die ganze Innenstadt - überall wechseln verfallene mit restaurierten Bauten, findet man Un- oder Halbfertiges, ragen Planen und Baugerüste, als sei man noch immer eine Kulturstadt in Vorbereitung. Die größte Baustelle ist nach wie vor die der "Weimarhalle", jenes stattlichen Ensembles Neuen Bauens, das kopiert werden muß, weil man bei der Sanierung so zuschlug, daß alles zusammenbrach. Fertig dagegen ist der "Russische Hof", dessen Klassizismus ebenfalls Opfer einer unsachgemäß begonnenen Sanierung zum Luxushotel wurde. Nach dem Einsturz hat man eine Fassadenkopie aufgestellt, schneeweiß und dürftig wie ein Ausschneidebogen. Das einstige Hitler-Forum freilich brütet noch immer grau und wuchtig vor sich hin, an seinem Rand das wunderbar restaurierte Neue Museum, in dessen Innerem man Daniel Buren jene provokante Kunst gestattet hat, die ihm bei der geplanten Umgestaltung des Rollplatzes versagt blieb. Kunst im Reservat: Ein jedes Ding an seinem Platz, so lautet die alte Hausfrauenregel.

Am Rollplatz hatte Buren nach dem Vorbild des Pariser Palais Royal die weite Fläche mit wechselnd weiß und farbig gestreiften Stelen und Quadern gliedern wollen. Zwölftausend Bürger verwahrten sich gegen das "optisch-technische Spielwerk" und plädierten erfolgreich für arkadischen Rotdorn. Und nun, kaum daß man mit der gestrigen Eröffnung des Faksimiles von Goethes Gartenhaus der Austauschbarkeit und Beliebigkeit aller Kunst Carte blanche gegeben hat, beschreien Moralwächter eine Caféhausmalerei und deren angeblich verheerende Wirkung.

Über allen Tassen sei Ruh: Die Zeiten, da in den Cafés des Palais Royal die Sache der Nation verhandelt und die Französische Revolution angestachelt wurde, sind lange vorbei. In der Kulturstadt Weimar ganz gewiß. Auch wenn im Hotel Elephant seit 1996 der abstrakte Nibelungen -Zyklus von Jirí Dokoupil den Pomp der einstigen Nazi-Ehrenhalle unterminiert, was dennoch nicht hindert, daß oft Gäste in Hitlers einstigem Zimmer übernachten wollen. Vielleicht sollte das kunstempfindliche Weimar Kunstwarte ernennen, die wachen, daß zur rechten Zeit am rechten Ort korrekte Kunst entsteht. Goethmännchen wäre doch ein hübscher Name für eine solche Riege.

DIETER BARTETZKO
Alle Rechte vorbehalten © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main

"Unterwegs in Thüringen" brachte am 21. 12. 2013 einen Beitrag über den von Christoph Hodgson mit initierten und organisierten Bachadvent und seine künstlerische Arbeit.

"Einfach Genial" berichtete 2007 ausführlich über Christoph Hodgson.

Bereits im Dezember 2005 gab es im Thüringen-Journal des MDR einen Bericht über Christoph Hodgson.

Die Vi­deos fin­den Sie auch auf un­se­rem you­tube-Kan­al "be­geh­bare bil­der".